12. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Workshop «Systemrelevante Infrastruktur»

Kollaps oder Evolution der gesellschaftlichen Lebensadern?

Netzwerke in Gefahr: Wie sichtbare und unsichtbare Risiken unsere Infrastrukturen bedrohen

Krieg in der Ukraine, unterbrochene Lieferketten, steigende Energiepreise: Das Thema des Workshops «Systemrelevante Infrastrukturen» ist brisanter denn je. Wo liegen die grössten Risiken? Und wie können Unternehmen auch in diesen Zeiten resilient bleiben?

 

Wussten Sie, dass Janet Jacksons Stimme Infrastrukturen zerstören kann? Mit diesem praktischen Beispiel soll den Zuhörenden vor Augen geführt werden, was Infrastruktursicherheit in der Praxis bedeutet. Adrian Perrig, Professor am Institut für Informationssicherheit der ETH Zürich, erläutert: «Eine bestimmte Resonanz-Schwingung kann Hardware, zum Beispiel eine Festplatte, physisch zerstören.» Offenbar findet sich genau diese Resonanzschwingung in einem Song von Janet Jackson. Laut genug abgespielt, kann Janet Jackson also eine Festplatte zerstören.

 

Steigende Energiepreise und drohende Stromlücke
So abstrakt und komplex die Sicherheit von Infrastrukturen und Netzwerken ist, so allgegenwärtig und relevant ist das Thema. Patrik Rust, Vorsitzender der Geschäftsleitung von ewl energie wasser luzern, wäre es lieber, das Thema wäre weniger präsent. Sein Unternehmen arbeitet zurzeit mit aller Kraft daran, die drohende Stromlücke im Winter zu verhindern. Er und seine Kollegen stehen heute teilweise wöchentlich mit Unternehmen im Austausch zu Energiefragen, die bis vor kurzen maximal alle ein bis zwei Jahre diskutiert wurden. Auch das Unternehmen von Peter Galliker ist von den aktuellen Verwerfungen am Energiemarkt direkt betroffen: Lebensmittel und temperatursensitive Medikamente transportiert die Galliker Transport AG gekühlt und betreibt dazu eigene Kühlhäuser. Die steigenden Energiekosten erhöhen nun die Preise für den Transport dieser Güter. Deshalb ist das Thema Energie in der Top-3 Risikoliste des Logistikunternehmers inzwischen auf Platz zwei vorgerückt und hat die Cyberrisiken auf den dritten Platz verwiesen.

 

Das Internet als Gefahrenpotenzial
Die Moderatorin Andrea Weber Marin nimmt das Stichwort Cybersicherheit auf und hakt nach, wie existenziell diese Bedrohung für Zentralschweizer KMUs sei. Adrian Perrig verweist auf ein entscheidendes Gefahrenpotenzial, das Unternehmen in ihrer Risikoanalyse häufig unterschätzen: das Internet. «Unser heutiges Internet, das wir tagtäglich nutzen, ist eine verhältnismässig alte Infrastruktur.» In seiner Forschung hat sich der ETH-Professor mit der Frage auseinandergesetzt, wie ein modernes und sicheres öffentliches Netzwerk konzipiert sein müsste. Daraus entstand das SCION Projekt, das sich der sicheren Internetarchitektur der Zukunft widmet. SCION ist seit 2017 erfolgreich im Einsatz, insbesondere im Bankenbereich, wo heute zahlreiche Transaktionen über das sichere Internet abgewickelt werden. Auch für Unternehmen stehen SCION-basierte Lösungen bei den bekannten Providern im Angebot.

 

Infrastrukturen kontinuierlich schützen und erneuern
Auch in der Energieversorgung spielen der kontinuierliche Schutz und die Erneuerung kritischer Infrastrukturen eine wichtige Rolle. «Die Dekarbonisierung bringt neue Herausforderungen mit sich, beispielsweise den Aufbau neuer Wärmenetze, um fossile Brennstoffe zu substituieren», so Patrik Rust von der ewl. Für den Transportunternehmer Peter Galliker ist der Umstieg von fossilen auf alternative Energieträger ein Herzensthema. Sein Unternehmen verfolgt seit mehreren Jahren eine dedizierte Strategie zur Förderung der Nachhaltigkeit. Dazu zählt u.a. die Weiterentwicklung der Fahrzeugflotte um LKWs mit Elektro-, Wasserstoff- oder Flüssiggasantrieb.

 

Auch Fachkräfte entscheiden über die Resilienzfähigkeit
Schliesslich kommt das Thema Fachkräftemangel zur Sprache. Eine vorausschauende Personalplanung und ein funktionierendes Talentmanagement sind ebenso Teil der Resilienzfähigkeit eines Unternehmens. Für Florian Schütz, Delegierter des Bundes für Cybersicherheit, ist ein Teil des Fachkräftemangels hausgemacht: «Wir haben ein Kulturproblem in der Schweiz», moniert er. In vielen Betrieben werde die Informatik nach wie vor als Supportfunktion angesehen und es fehlten attraktive Perspektiven für IT-Führungskräfte. «Mit diesem veralteten Verständnis machen wir uns das Leben selbst schwer.»

Florian Schütz, Peter Galliker, Adrian Perrig, Andrea Weber Marin, Patrik Rust

 

Key Take-Away

  • Energiepreisschwankungen stellen hohe Anforderungen an Unternehmen z.B. in der Liquiditätsplanung oder im Pricing.
  • Cyberrisiken sind zu einem gewissen Teil durch die Infrastruktur des Internets bedingt und liessen sich durch ein sicheres Internet (SCION) reduzieren.
  • Systemrelevante Infrastrukturen müssen kontinuierlich geschützt, weiterentwickelt und erneuert werden, um sicher zu bleiben.
  • Eine vorausschauende Personalplanung, die den Fachkräftemangel adressiert, trägt zur Resilienzfähigkeit eines Unternehmens bei.