
IHZ-Quartalsanalyse Q2/2026: Starker Jahresstart, trübe Aussichten
Die Geschäftslage der Zentralschweizer Unternehmen präsentiert sich im zweiten Quartal 2026 weiterhin solide. Doch der Irankonflikt trübt die Aussichten deutlich.
Trotz zahlreicher Herausforderungen entwickelt sich die Wirtschaftslage in der Zentralschweiz robust. Die Unternehmen schätzen die Geschäftslage im Vergleich zum Vorquartal unverändert positiv ein. Dazu beigetragen hat auch die leichte Entspannung bei den US-Zöllen. Die Zentralschweizer Wirtschaft konnte die Exporte in den letzten Monaten steigern und das Stellenangebot erhöhen. Schweizweit hellt sich die Lage innerhalb der letzten drei Monate sogar weiter auf. Auf nationaler Ebene erreicht der Saldowert den höchsten Wert seit Sommer 2023. Das hat aber auch damit zu tun, dass sich mögliche Auswirkungen des Irankonflikts zum Analysezeitpunkt erst beschränkt materialisiert haben.
Auf Branchenebene sticht der Industriesektor mit einer deutlichen Erholung heraus. Zum ersten Mal seit 2023 beurteilt eine Mehrheit der Zentralschweizer Industrieunternehmen die Geschäftslage in drei aufeinanderfolgenden Monaten als «gut». In den letzten Monaten konnten Unternehmen die Auslastung erhöhen, obwohl die Kapazitäten gleichzeitig gestiegen sind. Auf den Auslandsmärkten hat sich die Wettbewerbssituation gefestigt, insbesondere auch da sich der Aussenwert des Schweizerfrankens in den letzten Monaten nicht mehr so stark aufgewertet hat wie im letzten Jahr.
Ebenfalls positiv entwickelte sich die Geschäftslage im Grosshandel. Auch wenn nach wie vor mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen in der Zentralschweiz die Geschäftslage als schlecht einstuft, ist eine deutliche Erholung im Vergleich zum Vorquartal zu beobachten. Insbesondere beim Handel mit Produktionsgütern sowie mit Maschinen und Ausrüstungsgütern ist innerhalb der letzten drei Monate eine Verbesserung zu erkennen.
Den stärksten Rückschlag in den letzten drei Monaten verzeichnete das Gastgewerbe. Insbesondere der Beherbergungsbereich spürt bereits die ersten Stornierungen aufgrund der geopolitischen Situation. Die aktuellen Buchungen lassen zudem auf eine stagnierende bis sinkende Nachfrage im weiteren Verlauf des Jahres schliessen. Nach wie vor befindet sich der Beherbergungs- wie auch der Gastronomiesektor in einer guten Geschäftslage.
Auch Unternehmen im Detailhandel schätzen die Geschäftslage schlechter ein als noch im Vorquartal. Das Geschäft stagniert, eine Belebung erwarten insbesondere im Nicht-Lebensmittelbereich tätige Detailhändler nicht. Seit über einem Jahr rechnet eine Mehrheit der Unternehmen damit, die Preise in den nächsten Monaten erhöhen zu müssen, mit negativen Folgen auf den Absatz. Diese Sorgen teilen die übrigen Dienstleistungen. Auch Dienstleistungsunternehmen bewerten die Geschäftslage schlechter als noch vor drei Monaten.
Die Geschäftslage im Finanzsektor verbleibt auf hohem Niveau stabil. Diese Entwicklung ist hauptsächlich auf die in der Zentralschweiz stark vertretene Versicherungsbranche zurückzuführen. Die Branche verzeichnet einen Zuwachs der Versicherungsverträge, während aber gleichzeitig die Bruttozahlungen für Versicherungsfälle auch in diesem Quartal sehr hoch ausgefallen sind. Da der Spielraum für Prämienerhöhungen tief ist, verzeichnen Unternehmen Margeneinbussen. Banken hingegen sehen die weitere Entwicklung der Erträge, insbesondere im Zinsgeschäft, pessimistisch.
Auch die Geschäftslage im Baubereich wird nach wie vor sehr positiv eingeschätzt. Die Teilbranchen entwickelten sich in den letzten drei Monaten aber unterschiedlich. Während das Baugewerbe eine leichte Aufhellung verzeichnet, sieht sich der Projektierungsbereich einer schlechteren Geschäftslage gegenüber als noch im Vorquartal. Bauunternehmen berichten über eine grosse Auftragsreserve und eine hohe, aber volatile Nachfrage. Aufgrund des günstigen Zinsumfelds und des Bedarfs an Wohnraum rechnen Unternehmen mit Investitionen. Architektur- und Ingenieurbüros verzeichnen trotz grosser Zurückhaltung im Industrie- und Gewerbebereich eine hohe Nachfrage. Im Bausektor herrscht in beiden Teilbereichen aber nach wie vor ein signifikanter Fachkräftemangel.
Trübe Aussichten für den Rest des Jahres
Nach einem gelungenen Jahresstart haben die Unsicherheiten deutlich zugenommen, materialisiert haben sich die Effekte bislang aber noch nicht. Anfang Jahr konnte die energieintensive Industrie gar noch von einem Überangebot an Öl und Gas und somit von tieferen Energiepreisen profitieren.
Die Sperrung der Strasse von Hormus sowie die Beschädigung zentraler Energieinfrastruktur im Persischen Golf bleiben jedoch nicht ohne Folgen für die Zentralschweizer Wirtschaft. Der abrupte Rückgang des globalen Öl- und Gasangebots hat die Energiepreise bereits deutlich ansteigen lassen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dürften sich über zwei Wirkungskanäle entfalten. Auf der Angebotsseite verteuern sich die Produktionskosten der Unternehmen, was Investitionstätigkeit und Exportdynamik bremst. Auf der Nachfrageseite schmälern steigende Konsumentenpreise die Kaufkraft der Haushalte und belasten den privaten Konsum. Beides wirkt wachstumshemmend. Wie stark die Effekte ausfallen, hängt massgeblich von Dauer und Intensität des Konflikts ab. Bei einer raschen Deeskalation und Wiederöffnung der Seepassage dürfte der Wachstumsdämpfer moderat bleiben. Zieht sich der Konflikt hingegen in die Länge und werden Förder- und Aufbereitungsanlagen nachhaltig zerstört, droht eine Phase wirtschaftlicher Stagnation.
Anders präsentiert sich die Lage in der Gastronomie und Hotellerie, wo die Auswirkungen unmittelbar spürbar waren. Gäste aus dem Nahen Osten, Asien und Australien, die für ihre Anreise in der Regel über den Nahen Osten fliegen, haben ihre Buchungen kurzfristig storniert. Die Branche ist damit vom Konflikt nicht erst über den Energiepreiskanal, sondern direkt über den Nachfrageausfall betroffen.
Diese potenziellen Effekte spiegeln sich auch in den Erwartungen der Unternehmen für das nächste Halbjahr wider. Die Einschätzung über den weiteren Verlauf der Geschäftslage trübt sich in allen Branchen signifikant ein. Das Gastgewerbe weist dabei einen der höchsten Rückschläge und den tiefsten Saldowert auf. Zu den Branchen, die in den nächsten sechs Monaten mehrheitlich mit einer schlechteren Geschäftslage rechnen, gehören zudem der Grosshandel, das Baugewerbe, die Projektierung und die übrigen Dienstleistungen. Im positiven Bereich befindet sich der Saldowert in den Sektoren Industrie, Detailhandel und Finanzsektor.
Insbesondere für die Industrie ist die unverhoffte Eintrübung ein grosser Rückschlag. Abgesehen vom chemisch-pharmazeutischen Teilbereich konnte der Industriesektor seit Sommer 2022 erst in einem Quartal positiv zum BIP-Wachstum beitragen. In dieser Zeit verzeichnete die Branche auch einen Rückgang des Personalbestandes. Die Industrie benötigt dringend eine ruhige Phase mit Sicherheit und Stabilität.
Für Fragen und Anmerkungen:
Yves Spühler | Leiter Wirtschaftspolitik und Ökonomie
Datengrundlage und Lesehilfe zu den Grafiken
Geschäftslageindikator:
Die in den Grafiken zur Geschäftslage (Grafik 1 und 2) verwendeten Daten beruhen auf der Unternehmensumfrage «Geschäftslageindikator» der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. In der Umfrage werden die Unternehmen gebeten, ihre Gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen. Sie können die Lage mit «gut», «befriedigend» oder «schlecht» bezeichnen. Der Saldowert der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten «gut» und «schlecht». Die Grafik zeigt saisonbereinigte Werte der Zentralschweiz über die abgebildeten Wirtschaftsbereiche. Die Position in der Horizontalen weist die Einschätzung über die aktuelle Geschäftslage der Firmen aus, auf der Vertikalen wird die Differenz zur Befragung im Vorquartal angezeigt. Die Grösse der Kreise stellt die Wichtigkeit des Sektors in der Zentralschweiz dar, hier gemessen als Anteil der Beschäftigten.
Lesebeispiel Grafik 1:
Kommt eine Branche in den Quadranten 2 oder 3 zu liegen, ist der Anteil an Unternehmen, die die Geschäftslage als schlecht einschätzen grösser als der Anteil an Unternehmen, die die Geschäftslage als gut einschätzen. Branchen in den Quadranten 1 und 2 weisen eine Verbesserung der Geschäftslage im Vergleich zum Vorquartal auf, während sich Branchen im Quadranten 2 trotz Verbesserung im negativen Bereich befinden und Branchen im Quadranten 1 im Positiven Bereich.
Beschäftigungsindikator:
Die in den Grafik zur Beschäftigung (Grafik 3) verwendeten Daten beruhen auf der Unternehmensumfrage «Beschäftigungsindikator» der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. In der Umfrage werden die Unternehmen gebeten, ihren gegenwärtigen Bestand an Beschäftigten zu beurteilen und allfällige Veränderungen in den nächsten drei Monaten zu prognostizieren.
Ist der Wert des Indikators positiv, möchten mehr Unternehmen ihren Personalbestand aufbauen als abbauen. Bei einem Wert von Null ist der Anteil der Unternehmen, die Stellen abbauen möchten und Unternehmen, die Stellen schaffen möchten gleich gross.
Branchenzugehörigkeit:
Baugewerbe: Hochbau, Tiefbau und Vorbereitende Baustellenarbeiten, Bauinstallation und sonstiges Ausbaugewerbe (NOGA 41-43)
Industrie: Verarbeitendes Gewerbe / Herstellung von Waren (NOGA 10-33)
Grosshandel: Grosshandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen (NOGA 46)
Detailhandel: Detailhandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen (NOGA 47)
Gastgewerbe: Beherbergung und Gastronomie (NOGA 55-56)
Finanzsektor: Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (NOGA 64-65)
Projektierung: Architektur- und Ingenieurbüros (NOGA 71)
Verschiedene Dienstleistungen: Übrige Dienstleistungsbranchen ohne staatsnahe Branchen und Staatssektor, Verkehr und Lagerei (NOGA 49–53), Information und Kommunikation (NOGA 58–63), Grundstücks- und Wohnungswesen (NOGA 68), Erbringung von freiberufl., wissen. u. techn. Dienstl. (NOGA 69–75, ohne 71), Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstl.(NOGA 77–82), Kunst, Unterhaltung und Erholung (NOGA 90–93)





