
IHZ-Quartalsanalyse Q3/2025: Geschäftslage vor Zollhammer leicht positiver
Zentralschweizer Unternehmen schätzen die Geschäftslage positiver ein als im Vorquartal. Die Industrie konnte die im April eingeführten US-Zollsätze von 10 Prozent auf einen Grossteil der Handelsgüter gut verdauen. Der neuerliche Zollhammer konnte bei der aktuellen Befragung vom Juli aber noch nicht miteinbezogen werden. Durch die prohibitiv hohen Zölle sind auch Arbeitsplätze in der Zentralschweiz in Gefahr. Die Zentralschweizer Kantone sind aber unterschiedlich exponiert.
Im Laufe des zweiten Quartals 2025 hat sich die Geschäftslage in der Zentralschweiz aufgehellt und zwar stärker als im Schweizer Durchschnitt. Für die Zentralschweizer Wirtschaft resultiert zu Beginn des dritten Quartals somit der höchste Saldowert seit November 2024. Die von den US-Behörden eingeführten Zollsätze von 10 Prozent auf einen Grossteil der Importe hat die Zentralschweizer Wirtschaft folglich gut verdaut.
Allerdings konnten die Unternehmen bei der Erhebung im Juli 2025 den überraschend hohen länderspezifischen Zoll von 39 Prozent auf die meisten Exporte in die USA noch nicht einkalkulieren. Aber auch ohne Gewissheit über die Einführung der gewaltigen Zollsätze gegenüber der Schweiz korrigierten die Zentralschweizer Unternehmen ihre Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate deutlich nach unten. Optimistische Unternehmen sind nur noch knapp in der Mehrheit gegenüber pessimistischen Unternehmen.
Insbesondere im Industriesektor hat sich die Geschäftslage gegenüber dem Vorquartal moderat aufgehellt. Nachdem sich der Wert im Juni 2025 das erste Mal seit langer Zeit wieder im positiven Bereich bewegte, folgte im Juli 2025 ein Dämpfer. Inzwischen sieht sich wieder eine Mehrheit der Industrieunternehmen mit einer schlechten Geschäftslage konfrontiert. Industriebetriebe klagen weiter über schrumpfende Bestelleingänge und die Produktion wird zunehmend gedrosselt. Ebenfalls nehmen die Sorgen über finanzielle Restriktionen zu. Unternehmen fehlt zunehmend das Geld für Investitionen. Unternehmen im Industriesektor äusserten sich im letzten Befragungszeitraum aber überdurchschnittlich optimistisch über den zukünftigen Bestellungseingang und rechnen mehrheitlich mit einer Verbesserung der Geschäftslage. Ob diese Erwartungen durch die erratische US-Zollpolitik einen Dämpfer erleiden werden, lässt sich erst in den kommenden Monaten beurteilen.
Parallel dazu macht sich im Finanzsektor ein Rückgang des Kreditgeschäfts mit Firmenkunden bemerkbar. Aufgrund der grossen Unsicherheiten und trotz des sinkenden Zinsniveaus sind Unternehmen bei Investitionen sehr zurückhaltend. Zwar hat sich die generelle Ertragslage und die Einschätzung der allgemeinen Geschäftslage bei Finanz- und Versicherungsdienstleister gegenüber dem Vorquartal leicht verbessert, die zukünftige Ertragsentwicklung wird aber eher negativ eingeschätzt.
Positiver als im Vorquartal wird die Geschäftslage im Detailhandel, bei verschiedenen Dienstleistungen und im Gastgewerbe eingeschätzt. Detailhändler berichten über einen leicht steigenden Warenabsatz und einen damit einhergehenden Abbau der zuvor als zu gross eingeschätzten Warenvorräte. Nach drei negativen Quartalsentwicklungen verzeichnete der Bereich verschiedene Dienstleistungen zu Beginn des dritten Quartals einen Aufschwung. Trotz geringfügig tieferer Auslastung im Vergleich zum letzten Winterhalbjahr verbessert sich die Geschäftslage im Gastgewerbe weiter. Insbesondere Beherbergungsbetriebe konnten die Ertragslage aber trotzdem steigern. Gastronomieunternehmen rechnen mit einem gleichbleibenden Absatz auf hohem Niveau. Die Preise im Gastgewerbe werden nach kräftigen Steigerungen über die letzten Monate gemäss Erwartungen der Unternehmen im nächsten Quartal eher sinken.
Die Geschäftslage im Baugewerbe und bei Projektierungsbüros wird leicht negativer eingeschätzt als vor drei Monaten, bewegt sich aber nach wie vor auf hohem Niveau. Die Kapazitätsauslastung nimmt im Baugewerbe etwas zu, insbesondere im Tiefbau. Bei den Erwartungen über die zukünftige Preisentwicklung im Bausektor gehen die Prognosen stark auseinander. Projektierungsbüros rechnen bei Wirtschaftsbauten mit sinkenden Bausummen, im Wohnungsbau jedoch eher mit einer Erhöhung. Preiserhöhungen können kaum noch durchgesetzt werden.
Arbeitsplätze in Gefahr
Die Beschäftigungserwartungen sind nach wie vor tief. Zwar plant im Befragungszeitraum nach wie vor eine knappe Mehrheit der Zentralschweizer Unternehmen eine Erhöhung der Belegschaft, in der Industrie, im Detailhandel und im Grosshandel gehen Unternehmen zu Beginn des dritten Quartals aber bereits von einem sinkenden Personalbestand in den nächsten sechs Monaten aus. Die Arbeitslosenquote verharrt nach einem deutlichen Anstieg seit Mitte 2023 bei 1,9 Prozent. Im Juli 2025 hat die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vormonat in absoluten Zahlen in allen Kantonen ausser Obwalden und Nidwalden weiter zugenommen.
Insbesondere in der Industrie wird sich dieser negative Trend voraussichtlich noch weiter verstärken. Die US-Zölle in der Höhe von 39 Prozent auf Schweizer Ausfuhren können in vielen Fällen als prohibitiv eingeschätzt werden. Folglich werden einige Unternehmen ihre Produktion drosseln oder ins nahe Ausland oder in die USA verschieben. Dadurch sind zahlreiche Arbeitsplätze auch in der Zentralschweiz in Gefahr.
Auswirkungen der US-Zölle
Die Betroffenheit der US-Zollpolitik unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen. Für einzelne Waren wie pharmazeutische Produkte, gewisse Halbleiter und elektronische Geräte sowie einzelne Arten von Edelmetallen gelten nach wie vor Ausnahmen. Die Bedeutung der Zölle für Unternehmen sinkt zudem mit einem hohen Spezialisierungsgrad der Produkte, umfangreichen Zertifizierungsanforderungen, tiefer Preissensitivität der Nachfrage und wenig internationalem Wettbewerb. Ein Unternehmen mit einer starken Marktposition, beispielsweise einer sehr spezialisierten Maschine, für die es weltweit keine wirkliche Konkurrenz gibt, die Preise eher weitergeben. Die Frag bleibt jedoch, ob Kunden in den USA sich die Produkte dann noch leisten können.
Folglich ist auch der Effekt einer allfälligen Zollerhöhung auf die Volkswirtschaften der Zentralschweiz Kantone schwierig zu prognostizieren. Mit einem statischen Vergleich des Anteils von US-Exporten an der kantonalen Wertschöpfung kann die grundsätzliche Exponierung der Zentralschweizer Kantone evaluiert werden. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) prognostiziert einen volkswirtschaftlichen Schaden in der Höhe von 0,3 bis 0,6 Prozent des BIP pro Jahr – bei einem Wegfall der Ausnahmen für Pharma-Produkte gar von mindestens 0,7 Prozent. Eine Einbusse des BIP in der Höhe von 0,3 Prozent entspricht etwa einem Einkommensverlust von 300 Franken pro Person. In Kantonen mit hoher Abhängigkeit vom US-Handel ist dieser Schaden leicht höher zu erwarten, in Kantonen mit tiefer Abhängigkeit eher am unteren Rand.
Insbesondere der Kanton Nidwalden ist stark exponiert. Exporte in die USA machen fast einen Fünftel der Wertschöpfung aus. Dieser Wert setzt sich aus dem hohen US-Exportanteil und der hohen allgemeinen Exportquote. Fast die Hälfte aller Nidwaldner Exporte im Jahr 2024 hatten als Zielland die USA und Exporte machen fast 40 Prozent des Nidwaldner BIP aus. Zudem sind praktisch sind praktisch keine Ausfuhren fallen in die von den Zöllen ausgenommenen Bereiche wie Pharma oder Gold.
Alle anderen Zentralschweizer Kantone sind weniger exponiert als der Schweizer Durchschnitt. Hohe Werte weisen dennoch der Kanton Zug und der Kanton Obwalden auf. Im Kanton Zug machen US-Exporte rund 6 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Ein grosser Teil ist aber auf die Ausfuhr von pharmazeutischen Produkte zurückzuführen, die derzeit von den Zöllen ausgenommen sind. Mit dieser Korrektur liegt die Betroffenheit lediglich bei 2 Prozent. Der Kanton Obwalden handelt mehr mit den USA als der Schweizer Durchschnitt und weist mit 39 Prozent eine sehr hohe Exportquote auf. Direkt exponiert sind 5,6 Prozent der Wirtschaft. Da praktisch keine pharmazeutischen Produkte aus dem Kanton Obwalden ausgeführt werden, unterscheidet sich der Wert kaum bei einer Korrektur der Pharma-Exporte.
Weiter sind von den US-Zöllen eher grössere Unternehmen betroffen, da sie signifikant stärker im Aussenhandel tätig sind. Fast 60 Prozent der Exporte in die USA sind auf Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden zurückzuführen, obwohl diese nur 0,3 Prozent des Unternehmensbestandes ausmachen.
Die Gesamtexporte der Schweiz in die USA haben sich im Jahr 2025 bereits stark verändert. Im Jahr 2024 resultierte ein Handelsüberschuss für die Schweiz von fast 40 Milliarden Franken, was der US-Administration ein Dorn im Auge ist. Massgebend sind aber insbesondere der Goldhandel (7,9 Mrd.) und der Pharma-Export (31,2 Mrd.) die zusammen mehr als die Hälfte der Exporte ausmachen und gegenwärtig von den Zöllen ausgenommen sind. Gemäss den provisorischen Daten des Bundesamtes für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) wurde alleine im Januar fast doppelt so viel Gold exportiert wie im gesamten vorhergehenden Jahr. Die hohen Goldexporte im ersten Quartal blähen den Handelsüberschuss deutlich auf. Ab April sind die Zahlen aber deutlich tiefer. Im Mai 2025 resultierte gar ein Handelsüberschuss für die USA in der Höhe von 3,1 Milliarden Franken.
Weitere aktuelle Informationen zu den US-Zöllen:
Forderungen an die Politik
Die derzeitige Situation ist ein Warnschuss. Die US-Zollpolitik stellt ein Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen und somit für Arbeitsplätze und den Wohlstand in unserem Land dar. Auch wenn es sich bei der Zollpolitik der Trump-Administration um einen schwer beinflussbaren externen Faktor handelt, haben wir innenpolitische Massnahmen selber in der Hand. Die Politik ist nun erst Recht gefordert, die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu verbessern. Regulierungspläne und Abgabenerhöhungen müssen gestoppt und bürokratische Hürden abgebaut werden. Beispielsweise:
- Kein weiteren Sozialausgaben (AHV, Kinderkrippen, Elternurlaub; Lohnnebenkosten machen bereits heute 8-10% der Lohnsumme aus)
- Abbau der Hürden in der Klimapolitik (Abbaupfad des CO2-Ausstosses von 2,25% pro Jahr ist aus technischer und wirtschaftlicher Sicht unrealistisch und Berichterstattungspflichten binden Ressourcen und nützen wenig)
- Abbau der hohen Zusatzabgaben bei der Stromnutzung
- Keine neuen Regulierungen (bspw. Investitionsprüfgesetz oder CO2-Grenzausgleichsmechanismus)
- Aussetzung der OECD-Mindeststeuer
- Erleichterung im Kriegsmaterialgesetz
Für Fragen und Anmerkungen:
Yves Spühler | Leiter Wirtschaftspolitik und Ökonomie
Datengrundlage und Lesehilfe zu den Grafiken
Geschäftslageindikator:
Die in den Grafiken zur Geschäftslage (Grafik 1 und 2) verwendeten Daten beruhen auf der Unternehmensumfrage «Geschäftslageindikator» der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. In der Umfrage werden die Unternehmen gebeten, ihre Gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen. Sie können die Lage mit «gut», «befriedigend» oder «schlecht» bezeichnen. Der Saldowert der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten «gut» und «schlecht». Die Grafik zeigt saisonbereinigte Werte der Zentralschweiz über die abgebildeten Wirtschaftsbereiche. Die Position in der Horizontalen weist die Einschätzung über die aktuelle Geschäftslage der Firmen aus, auf der Vertikalen wird die Differenz zur Befragung im Vorquartal angezeigt. Die Grösse der Kreise stellt die Wichtigkeit des Sektors in der Zentralschweiz dar, hier gemessen als Anteil der Beschäftigten.
Lesebeispiel Grafik 1:
Kommt eine Branche in den Quadranten 2 oder 3 zu liegen, ist der Anteil an Unternehmen, die die Geschäftslage als schlecht einschätzen grösser als der Anteil an Unternehmen, die die Geschäftslage als gut einschätzen. Branchen in den Quadranten 1 und 2 weisen eine Verbesserung der Geschäftslage im Vergleich zum Vorquartal auf, während sich Branchen im Quadranten 2 trotz Verbesserung im negativen Bereich befinden und Branchen im Quadranten 1 im Positiven Bereich.
Beschäftigungsindikator:
Die in den Grafik zur Beschäftigung (Grafik 3) verwendeten Daten beruhen auf der Unternehmensumfrage «Beschäftigungsindikator» der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. In der Umfrage werden die Unternehmen gebeten, ihren gegenwärtigen Bestand an Beschäftigten zu beurteilen und allfällige Veränderungen in den nächsten drei Monaten zu prognostizieren.
Ist der Wert des Indikators positiv, möchten mehr Unternehmen ihren Personalbestand aufbauen als abbauen. Bei einem Wert von Null ist der Anteil der Unternehmen, die Stellen abbauen möchten und Unternehmen, die Stellen schaffen möchten gleich gross.
Branchenzugehörigkeit:
Baugewerbe: Hochbau, Tiefbau und Vorbereitende Baustellenarbeiten, Bauinstallation und sonstiges Ausbaugewerbe (NOGA 41-43)
Industrie: Verarbeitendes Gewerbe / Herstellung von Waren (NOGA 10-33)
Grosshandel: Grosshandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen (NOGA 46)
Detailhandel: Detailhandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen (NOGA 47)
Gastgewerbe: Beherbergung und Gastronomie (NOGA 55-56)
Finanzsektor: Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (NOGA 64-65)
Projektierung: Architektur- und Ingenieurbüros (NOGA 71)
Verschiedene Dienstleistungen: Übrige Dienstleistungsbranchen ohne staatsnahe Branchen und Staatssektor, Verkehr und Lagerei (NOGA 49–53), Information und Kommunikation (NOGA 58–63), Grundstücks- und Wohnungswesen (NOGA 68), Erbringung von freiberufl., wissen. u. techn. Dienstl. (NOGA 69–75, ohne 71), Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstl.(NOGA 77–82), Kunst, Unterhaltung und Erholung (NOGA 90–93)





