
IHZ-Quartalsanalyse Q4/2025: Zentralschweizer Wirtschaft atmet durch – auch in Teilen des Industriesektors
Die Konjunkturstimmung in der Zentralschweiz hellt sich spürbar auf. Nach einem schwachen dritten Quartal verzeichnen viele Unternehmen wieder bessere Geschäfte. Besonders der Dienstleistungssektor, die Bauwirtschaft und die Finanzbranche stützen die positive Entwicklung. Selbst in der bereits angeschlagenen Industrie, die zusätzlich am stärksten von der US-Zollpolitik betroffen ist, kehrt vorsichtiger Optimismus zurück. Die regionale Wirtschaft zeigt sich insgesamt widerstandsfähig und blickt mit Zuversicht auf die kommenden Monate.
Die Geschäftslage in der Zentralschweizer Gesamtwirtschaft hellt sich zwischen September und Oktober stark auf. Das zeigt die regionale Analyse des KOF Geschäftslageindikator. Die Einschätzungen der Unternehmen erreichen bei der jüngsten Befragung den positivsten Wert binnen Jahresfrist. Damit liegt der Wert auch höher als im Juli 2025 – also vor der überraschenden Ankündigung des US-Zollhammers auf Importe aus der Schweiz. Zu dieser Entwicklung beigetragen haben erneut der robuste Dienstleistungssektor sowie positive Entwicklungen im Baugewerbe, im Finanzsektor und im Projektierungssektor. Auch im angeschlagenen Industriesektor schätzen Unternehmen die Geschäftslage im Oktober deutlich positiver ein als noch im Vormonat. Im Industriesektor überwiegt die negative Grundstimmung bei Industrieunternehmen nach wie vor – wenn auch knapp.
Auch die Aussichten auf die nächsten sechs Monate zeigen sich freundlicher. Eine deutliche Mehrheit der Zentralschweizer Unternehmen geht davon aus, dass sich die Geschäftslage in den nächsten sechs Monaten weiter verbessert.
Die Geschäftslage in der Zentralschweizer Industrie wurde besonders im August und September des laufenden Jahres sehr pessimistisch eingeschätzt. Im Oktober verbessert sich die Lage aber wieder deutlich und bewegt sich im Bereich des letzten Quartals und somit des Zeitpunkts vor der überraschenden Ankündigung der hohen Zölle auf einen Grossteil der Schweizer Exporte in die USA. Diese positive Entwicklung ist insbesondere auf Unternehmen zurückzuführen, die hauptsächlich auf dem inländischen oder auf den europäischen Märkten tätig sind. Die Wettbewerbssituation in diesen Märkten hat sich gemäss den Unternehmen positiv entwickelt. Insbesondere Hersteller von Vorprodukten vermelden positive Impulse. Solche Impulse aus der Vorprodukteindustrie können unter Umständen als Frühindikatoren für die Geschäftslage des gesamten Industriesektors interpretiert werden und wecken somit Hoffnung auf einen Aufschwung gegen Ende 2026 oder Anfang 2027. Die Lage in der Konsumgüterindustrie – dem konjunktursensitivsten Sektor der Industrie – ist hingegen angespannt. Auch die in der Zentralschweiz wichtige Investitionsgüterindustrie, allen Voran die Maschinenindustrie erachtet die Geschäftslage nach wie vor als eingetrübt. Die Unternehmen blicken aber deutlich zuversichtlicher auf die Entwicklung in den nächsten sechs Monaten als in der jüngsten Vergangenheit.
Ähnliche Tendenzen zeigen sich im Grosshandel. Während sich die Geschäftslage im Konsumgüterhandel abkühlt, entspannt sich die Lage im Handel mit Vorleistungsgütern für die Produktion. Auch im Zentralschweizer Grosshandel schätzen Unternehmen die Geschäftslage überwiegend negativ ein. Im Detailhandel wird die Geschäftslage mehrheitlich positiv eingeschätzt. Die Mehrheit ist aber deutlich knapper als noch im letzten Quartal. Detailhandelsunternehmen verzeichnen einen starken Druck auf die Verkaufspreise, der sich in weiterhin sinkenden Margen niederschlägt.
Das Gastgewerbe blickt auf eine erfolgreiche Sommersaison zurück. Insbesondere die Hotellerie verzeichnete eine rekordhohe Auslastung und Ertragslage. Die Geschäftslage wird zu Beginn des vierten Quartals 2025 leicht negativer eingeschätzt. In Stadtregionen wird die Geschäftslage positiver eingeschätzt als in Bergregionen. Die Aussichten für die nächsten sechs Monate sind zuversichtlich.
Der Dienstleistungssektor erweist sich weiterhin als stützend und robust. Die Einschätzung der Geschäftslage entwickelt sich binnen Quartalsfrist leicht positiv, die Erwartungen der zukünftigen Geschäftslage stark positiv. Damit einhergehend plant eine grosse Mehrheit der Unternehmen den Personalbestand auszubauen.
Zentralschweizer Bauunternehmen bewerten die Geschäftslage nach wie vor positiv. Die Auslastung ist hoch und Unternehmen planen vermehrt eine Ausweitung der Produktion. Insbesondere der Tiefbau und das Ausbaugewerbe rechnen mit einer erhöhten Nachfrage über die nächsten Monate. Bauunternehmen sehen vermehrt Möglichkeiten von Preiserhöhungen zur Sicherung der Margenlage. Im Projektierungssektor legt die Geschäftslage auf hohem Niveau leicht zu.
Der Finanzsektor entwickelt sich dank der regional bedeutenden Versicherungsbranche positiv. Bei den Banken ist die Einschätzung der Geschäftslage zurückhaltender. Beide Branchen blicken aber äusserst optimistisch in die Zukunft. Bei den Preisen vergrössert sich der Spielraum leicht, was die Hoffnung auf eine Entspannung der Ertrags- und Margenlage anfeuert.
Auswirkungen der US-Zollpolitik
Die Zentralschweizer Gesamtwirtschaft verkraftet den Zollschock bislang gut. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass die regionalen Unternehmen im schweizweiten Vergleich stärker auf den Binnenmarkt und den Aussenhandel mit der Europäischen Union fokussiert sind. Insbesondere Zulieferer von EU-Exportunternehmen können gar von den verhältnismässig tiefen Zolltarifen von EU-Exporten in die USA profitieren.
Andererseits sind die Auswirkungen der US-Zollpolitik auf die Zentralschweizer Wirtschaft noch nicht im gesamten Umfang ersichtlich. Unternehmen konnten je nach Produktebereich gewisse Waren in der Übergangsfrist zu tieferen Zolltarifen in die USA exportieren und ihre Lager auffüllen und somit die Zollmassnahmen kurzfristig abfedern. Dadurch werden sich die Effekte erst später in den Büchern niederschlagen. Weiter liefern viele Unternehmen nach wie vor in die USA, um den Marktzugang nicht zu verlieren und Partnerschaften aufrecht zu erhalten. Das bedeutet für viele exportierende Unternehmen, dass das Amerikageschäft zwar aufrechterhalten wird, kurzfristig aber keine Gewinne abwirft oder gar zu Verlusten führt. Dies führt dazu, dass die Wirkung auf die Warenflüsse vorerst unterschätzt ist, während die Ertrags- und Margenlage der Unternehmen bereits erodiert.
Die allgemeine Unsicherheit wirkt sich aber unabhängig des direkten Exportgeschäfts mit den USA auf Zentralschweizer Unternehmen aus. Die Zentralschweizer Wirtschaft ist unter anderem auf die Produktion von Investitionsgüterindustrie spezialisiert und liefert Maschinen, Apparate und Geräte in die ganze Welt. Bei Unsicherheiten sind Unternehmen enorm zurückhaltend bei Investitionen, worunter die Nachfrage nach diesen Produkten leidet.
Vor diesem Hintergrund setzt die IHZ weiterhin für eine rasche Lösung des Zollkonflikts mit den USA ein. Die aktuelle Situation kann von vielen betroffenen Unternehmen kurzfristig zwar überbrückt, mittelfristig aber nicht gestemmt werden.
Personalwachstum trotz steigender Arbeitslosenquote
Die Arbeitslosenquote verfolgt seit Juli 2023 einen wachsenden Trend. In der Zentralschweiz hat sie sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt und kommt im Oktober 2025 bei 2 Prozent zu liegen. Damit befindet sich die Quote aber weiterhin deutlich unter dem schweizweiten Durchschnitt von 2,9 Prozent. In Zug beträgt sie 2,7 Prozent und verzeichnet somit den höchsten Stand seit 2021. In den Kantonen Uri (1%), Obwalden (1%), Nidwalden (1,1%) und Schwyz (1,2%) liegt sie deutlich tiefer. Die steigende Arbeitslosenquote widerspiegelt damit die konjunkturellen Herausforderungen, sie liegt dennoch im Bereich des langfristigen Mittels.
Das hat auch damit zu tun, dass die Zentralschweizer Wirtschaft bei der Personalplanung zwar zurückhaltender geworden ist, ein Grossteil der Unternehmen aber auch im letzten Jahr mehr Stellen geschaffen haben. Fast die Hälfte der Unternehmen hat in den letzten 12 Monaten ihren Personalbestand erhöht. In vielen Bereichen ist es dabei nach wie vor sehr schwierig Personal zu rekrutieren. So geben in der kürzlich durchgeführten HR-Umfrage der IHZ 5 Prozent der Unternehmen an, dass ihr Personalbestand aufgrund des Fachkräftemangels abgenommen hat. Sie konnten Stellen nach Kündigungen und Pensionierungen nicht besetzen. Diese Entwicklung unterscheidet sich aber auch je nach Branche. In der Maschinenindustrie hat der Personalbestand im gleichen Zeitraum bei mehr als der Hälfte der befragten Zentralschweizer Unternehmen abgenommen.
Auch der Ausblick auf die Personalentwicklung in den nächsten 12 Monaten ist positiv. Rund 40 Prozent der Unternehmen planen eine Zunahme des Personalbestandes. Aber auch hier gibt es branchenspezifische Unterschiede. Während die Maschinenindustrie wieder häufiger mit einem unveränderten oder wachsenden Personalbestand rechnen, ist die Metallindustrie weniger zuversichtlich. Mehr als die Hälfte der Unternehmen rechnet mit einem Personalabbau. Das gleiche gilt für den Grosshandel. Zahlen des KOF-Instituts zeigen, dass die Beschäftigungsaussichten in der Zentralschweiz zuversichtlicher sind als im Schweizer Durchschnitt. Insbesondere der Dienstleistungssektor, der Finanzsektor und das Gastgewerbe rechnen mit einem Personalausbau.
Für Fragen und Anmerkungen:
Yves Spühler | Leiter Wirtschaftspolitik und Ökonomie
Datengrundlage und Lesehilfe zu den Grafiken
Geschäftslageindikator:
Die in den Grafiken zur Geschäftslage (Grafik 1 und 2) verwendeten Daten beruhen auf der Unternehmensumfrage «Geschäftslageindikator» der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. In der Umfrage werden die Unternehmen gebeten, ihre Gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen. Sie können die Lage mit «gut», «befriedigend» oder «schlecht» bezeichnen. Der Saldowert der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten «gut» und «schlecht». Die Grafik zeigt saisonbereinigte Werte der Zentralschweiz über die abgebildeten Wirtschaftsbereiche. Die Position in der Horizontalen weist die Einschätzung über die aktuelle Geschäftslage der Firmen aus, auf der Vertikalen wird die Differenz zur Befragung im Vorquartal angezeigt. Die Grösse der Kreise stellt die Wichtigkeit des Sektors in der Zentralschweiz dar, hier gemessen als Anteil der Beschäftigten.
Lesebeispiel Grafik 1:
Kommt eine Branche in den Quadranten 2 oder 3 zu liegen, ist der Anteil an Unternehmen, die die Geschäftslage als schlecht einschätzen grösser als der Anteil an Unternehmen, die die Geschäftslage als gut einschätzen. Branchen in den Quadranten 1 und 2 weisen eine Verbesserung der Geschäftslage im Vergleich zum Vorquartal auf, während sich Branchen im Quadranten 2 trotz Verbesserung im negativen Bereich befinden und Branchen im Quadranten 1 im Positiven Bereich.
Beschäftigungsindikator:
Die in den Grafik zur Beschäftigung (Grafik 3) verwendeten Daten beruhen auf der Unternehmensumfrage «Beschäftigungsindikator» der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. In der Umfrage werden die Unternehmen gebeten, ihren gegenwärtigen Bestand an Beschäftigten zu beurteilen und allfällige Veränderungen in den nächsten drei Monaten zu prognostizieren.
Ist der Wert des Indikators positiv, möchten mehr Unternehmen ihren Personalbestand aufbauen als abbauen. Bei einem Wert von Null ist der Anteil der Unternehmen, die Stellen abbauen möchten und Unternehmen, die Stellen schaffen möchten gleich gross.
Branchenzugehörigkeit:
Baugewerbe: Hochbau, Tiefbau und Vorbereitende Baustellenarbeiten, Bauinstallation und sonstiges Ausbaugewerbe (NOGA 41-43)
Industrie: Verarbeitendes Gewerbe / Herstellung von Waren (NOGA 10-33)
Grosshandel: Grosshandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen (NOGA 46)
Detailhandel: Detailhandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen (NOGA 47)
Gastgewerbe: Beherbergung und Gastronomie (NOGA 55-56)
Finanzsektor: Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (NOGA 64-65)
Projektierung: Architektur- und Ingenieurbüros (NOGA 71)
Verschiedene Dienstleistungen: Übrige Dienstleistungsbranchen ohne staatsnahe Branchen und Staatssektor, Verkehr und Lagerei (NOGA 49–53), Information und Kommunikation (NOGA 58–63), Grundstücks- und Wohnungswesen (NOGA 68), Erbringung von freiberufl., wissen. u. techn. Dienstl. (NOGA 69–75, ohne 71), Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstl.(NOGA 77–82), Kunst, Unterhaltung und Erholung (NOGA 90–93)





