Rückblick 15. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Eröffnungspodium

Rückblick 15. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Eröffnungspodium

Stresstest für die Freiheit: Wie belastbar sind globale Handelsbeziehungen in Zeiten geopolitischer Umwälzung?
Die Rückkehr der Machtpolitik, aufflammende Handelskonflikte und die Suche nach neuen leichgewichten in einer zunehmend multipolaren Weltordnung.

Machtverschiebungen, US-Zollschock und neue Allianzen stellen die bis dato regelbasierte Welthandelsordnung auf den Kopf. Am Eröffnungspodium des Zentralschweizer Wirtschaftsforums diskutierten Aussenhandelsexperten, wie geeint der Westen noch ist, und welche Rolle die Schweiz in der neuen Ordnung innehat.

Der Zollentscheid aus Washington traf nicht nur die (Zentral-)Schweizer Unternehmerinnen und Politiker wie ein Schlag, sondern auch die Staatswissenschaftlerin und Amerika-Expertin Claudia Franziska Brühwiler. Obwohl sie den 1. August als «Schockmoment » erlebte, sieht sie dennoch keinen Grund für überstürzte Reaktionen. «In dieser Administration ist nichts endgültig», erklärte sie. Vielmehr habe sich der Rückzug der USA schon länger abgezeichnet – er begann bereits unter der Bush- Regierung und vollzieht sich nun unter Trump lediglich in atemberaubendem Tempo. Der abrupte Bruch durch das Verhängen von Zöllen mag überraschend erscheinen, sei aber bloss die Beschleunigung einer Entwicklung, die viel früher begann. 

Andrea Rauber Saxer, Leiterin des Leistungsbereichs Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen im Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, sprach davon, dass der Zollentscheid vermeintlich sichere und unhinterfragte Annahmen überholte. Das Bild eines geeinten Westens, der einen einheitlichen Wertekanon teilt, entpuppt sich als Illusion. 

China operiert mit strategischer Weitsicht und denkt in Extremszenarien 
Während die Schweiz und Europa mit ihren Reaktionen auf den US-Entscheid hadern, hat sich China deutlich weitsichtiger vorbereitet. Markus Herrmann, Mitgründer und Geschäftsführer der China Macro Group, erinnerte daran, dass sich Peking seit 2016 auf das Szenario «Trump 2.0» eingestellt hat. «China denkt seit Jahren in Extremszenarien und bereitet sich systematisch vor.» Die drei Stossrichtungen seien klar: interne Reformen beschleunigen, die eigene Handelsdiplomatie ausbauen, Multipolarität absichern. 

Zuletzt hat die Dynamik im chinesischen Markt nachgelassen, insbesondere der Konsum im Inland schwächelt. Unternehmen reagierten unterschiedlich auf diese Entwicklung: Manche investieren weiter, um Marktanteile auszubauen, andere verfallen in einen «Winterschlaf» und halten ihre chinesische Präsenz, ohne sie jedoch auszubauen. Derweil gewinnt Europa als Absatzmarkt für chinesische Anbieter an Bedeutung, zugleich sucht China gezielt strategische Kooperationen mit Entwicklungs- und Schwellenländern, um weiteres Wachstum zu fördern. 

Freihandelsabkommen als Lichtblicke und Türöffner
Trotz heftiger globaler Verwerfungen sah Andrea Rauber Saxer auch Lichtblicke und verwies auf die bilateralen Handelsabkommen: «Wir konnten in den letzten Monaten die Handelsbeziehungen zu unserem wichtigsten Partner, der EU, regeln. Die Schweizer Stimmbevölkerung wird darüber abstimmen. Zudem haben wir wichtige Freihandelsabkommen abgeschlossen, allen voran mit Indien.» Für Schweizer Firmen eröffnen sich damit neue Märkte, die Abhängigkeit von einzelnen Handelspartnern sinkt.  Auf die Frage, ob sich die Wirtschaft nun langfristig mit derart hohen Zöllen abfinden muss, gab Brühwiler zu bedenken, dass hinter der US-Handelspolitik ein tieferliegendes Narrativ des «produzierenden Bürgers» stecke, der seine Familie durch die eigene Arbeit ernährt. Der Wunsch, dass die amerikanische Wirtschaft darauf ausgerichtet sein soll, die Waren und Dienstleistungen zu produzieren, um sich selbst zu versorgen, eint Republikaner wie Demokraten und ist tief verankert in der amerikanischen Gesellschaft. Dieses Narrativ wurde in der Losung «America first» auf den Punkt gebracht, die bereits während Trumps erster Amtszeit als zentrales Leitmotiv auch dessen Wirtschaftspolitik massgeblich prägte. 

Elf-Punkte-Plan für die Schweiz 
Zum Abschluss der Diskussion nahm Moderator Michael Rauchenstein Publikumsfragen entgegen. Auf vielfachen Wunsch präsentierte Markus Herrmann stichwortartig und prägnant seinen Elf-Punkte- Plan, aus dem er bereits während des Gesprächs zitierte. Der Plan zeigte Massnahmen auf, mithilfe derer sich die Schweiz in einer multipolaren Welt erfolgreich neupositionieren könnte. 
 

Key Take-Away

  • China hat sich seit 2016 systematisch auf eine zweite Amtszeit von Trump eingestellt, denkt konsequent in Extremszenarien und hat sich strategisch auf eine multipolare Weltordnung vorbereitet.
  • Der Rückzug der USA und die Distanzierung zu Europa zeichneten sich bereits seit Jahren ab. Der Bruch kam abrupt, doch die Entwicklung war langfristig.
  • In der US-Wirtschaftspolitik dominiert ein tief verankertes Idealbild des «produzierenden Bürgers». Dieses Narrativ priorisiert die Fähigkeit zur Selbstversorgung und vereint Republikaner wie Demokraten über die Parteigrenzen hinweg.
  • Trotz aller Verwerfungen eröffnen neue Freihandelsabkommen, etwa mit Indien oder Mercosur, neue Chancen zur Diversifizierung und Zugang zu wachsenden Märkten. 

Referenten

  • Claudia Franziska Brühwiler, Staatswissenschaftlerin Universität St. Gallen
  • Andrea Rauber Saxer, Leiterin Leistungsbereich Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen Staatssekretariat für Wirtschaft SECO
  • Markus Herrmann, Mitgründer und Geschäftsführer China Macro Group (CMG)
  • Moderation: Michael Rauchenstein, Moderator Tagesschau SRF

Publikation «Spezial» zum 15. Zentralschweizer Wirtschaftsforum (PDF)

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