Rückblick 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Eröffnungspodium

Rückblick 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Eröffnungspodium

Pragmatismus heisst Mut zum Handeln und Augenmass bei Regeln: Katharina Gasser, Monika Rühl und Adrian Steiner diskutierten mit Michael Rauchenstein über Mut zum Entscheid und die Grenzen der Regulierung.

Pragmatismus hilft, Bürokratie bremst? Das Eröffnungspodium des 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforums zeigte, dass beides auch umgekehrt gilt, und bot eine differenzierte Diskussion um die Balance zwischen Bürokratie und Pragmatismus.

Getreu dem Motto «Mach’s eifach» mussten die Forumsteilnehmenden zum Auftakt des Podiums eine Einstiegsfrage beantworten: «Was verhindert Umsetzung in Ihrem Unternehmen heute am häufigsten?» Zu viel Regulierung landete mit 20 % der Stimmen deutlich hinter der unklaren Verantwortung mit 41 % und der Angst vor Fehlern mit 39 %.

Mut zum ersten Schritt
Katharina Gasser, General Manager von Roche Pharma (Schweiz) AG, nannte auf die Frage von Moderator Michael Rauchenstein zwei Eigenschaften, die es zum Entscheiden brauche: das Durchdenken verschiedener Szenarien und den Mut, Entscheide zu fällen, hinter denen man stehe, auch wenn sie unpopulär seien. «Noch viel schlimmer ist aber, wenn man nicht entscheidet», sagte Gasser. Adrian Steiner, CEO der Thermoplan AG und Präsident der IHZ, wurde auf sein Zitat im Programmheft angesprochen, wonach Fortschritt nicht Perfektion fordere, sondern den Mut zum ersten Schritt: «Unternehmertum heisst, mutige Entscheidungen zu treffen», fasste er zusammen. 

Katharina Gasser führte als Beispiel für eine positive Fehlerkultur die Arzneimittelforschung an: Neun von zehn klinischen Studien scheiterten. Wer deswegen aufgebe, werde niemals einen Durchbruch erzielen. Roche forsche seit über zwanzig Jahren an einer Alzheimer-Therapie und habe selbst nach negativen Studienresultaten konsequent weitergeforscht. Monika Rühl, Direktorin des Wirtschaftsverbands economiesuisse, ergänzte, im Unternehmertum sei Nullfehlertoleranz fehl am Platz. Gerade die Bereitschaft, mutig etwas Neues auszuprobieren, mache die Stärke der Schweizer Unternehmen aus.

Umgang mit Risiken und Unsicherheit ist lernbar
Auf die Frage, ob man den Umgang mit Unsicherheit lernen könne, antwortete Gasser, sie persönlich habe eine Vorliebe für Unsicherheit. Sie gab einst einen prestigeträchtigen internationalen Job in der Pharmabranche auf und wechselte in ein unbekanntes Startup, wovon ihr Umfeld abriet. «Rückblickend brauchte es die Gelassenheit, solche Entscheide zu treffen. Risiken einzugehen ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar», resümierte Gasser. Etwas hitziger wurde die Diskussion bei den US-Zöllen. Monika Rühl brachte es auf den Punkt: «Trump hat die Schweizer Wirtschaft in ein Dauer-Trainingslager in Sachen Unsicherheit geschickt.» Gasser beobachtete bereits erste Trainingseffekte: Anfangs hätten die Zölle für Unsicherheit und Hektik gesorgt, mittlerweile habe man gelernt, mit der Unberechenbarkeit umzugehen. Eine gewisse Willkür sei inzwischen «eingepreist», die Unternehmen begegneten der Unsicherheit deutlich gelassener als noch vor einem Jahr.

Adrian Steiner setzte einen anderen Akzent: Die grossen Gefahren für ein Unternehmen kämen seiner Ansicht nach nicht von aussen, sondern von innen. Zentral sei, dass es Unternehmen gelinge, Innovationskraft zu entwickeln und die Teams für den Aufbau der Kernkompetenzen zu motivieren.

Regulierung als Leitplanke oder Bremsklotz
Regeln brauche es, sagte Rühl, «als Leitplanken, um für gleich lange Spiesse im In- und Ausland zu sorgen». Problematisch werde es dort, wo das Regulieren zum Reflex werde. Die Logik der Politik verstehe sie durchaus: «Es passiert etwas und man versucht, mit einer Regulierung vermeintliche Sicherheit zu schaffen. Doch hundertprozentige Sicherheit existiert nicht.» Daraus entstehe die Tendenz zur Überregulierung. Rühl verwies auf den Regulierungsmonitor des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO: Über 36’000 Pflichten müssen Schweizer Unternehmen heute erfüllen – vor 20 Jahren waren es rund 24’000.

Umgekehrt kann Regulierung auch Türen öffnen. Die Schweizer Exportindustrie brauche den Marktzugang, sagte Rühl mit Blick auf die EU-Verträge. Vertraglich übernehme man nur jenen Teil der europäischen Regulierung, den die Abkommen abdeckten. Das sei ein Risiko, das man im Sinne des Pragmatismus eingehen sollte. 

Dass auch Pragmatismus Grenzen hat, zeigte der Swissness-Fall des Schuhherstellers On, der seine im Ausland produzierten Schuhe künftig mit dem Schweizerkreuz kennzeichnen darf. Steiner wurde deutlich: «Für uns als Schweizer Hersteller ist das eine Katastrophe. Das hat nichts mit Pragmatismus zu tun.»
 

Key Take-Away

  • Fehlerkultur als Wettbewerbsfaktor: Neun von zehn klinischen Studien scheitern. Wer deswegen aufgibt, wird nie einen Durchbruch schaffen. Beharrlichkeit zahlt sich aus.
  • Nullfehlertoleranz ist im Unternehmertum fehl am Platz: Gerade die Bereitschaft, mutig Neues auszuprobieren, macht die Stärke der Schweizer Unternehmen aus.
  • Die grösste Gefahr für ein Unternehmen kommt nicht von aussen, sondern von innen: Fehlende Innovationskraft und fehlender Fokus auf die Kernkompetenzen wiegen schwerer als externe Faktoren.
  • Nach einem negativen Ereignis folgt oft eine neue Regulierung. Doch damit vermeintliche Sicherheit schaffen zu wollen, ist eine Illusion – hundertprozentige Sicherheit existiert nicht.
  • Regulierung ist nicht nur Bremsklotz: Über die EU-Abkommen sichert sich die Exportindustrie den Marktzugang – ein Risiko, das sich im Sinne des Pragmatismus lohnt.

Referenten

  • Katharina Gasser, General Manager Roche Pharma (Schweiz) AG und Präsidentin Zuger Wirtschaftskammer
  • Monika Rühl, Direktorin economiesuisse
  • Adrian Steiner, CEO Thermoplan AG und Präsident IHZ
  • Moderation: Michael Rauchenstein, Moderator Tagesschau SRF

Publikation «Spezial» zum 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum (PDF)

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