Rückblick 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Eröffnungsreferate

Rückblick 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Eröffnungsreferate

Handlungsfähig bleiben unter Druck: Was Herzchirurgie und Militäraviatik über Entscheidungen in kritischen Situationen lehren.

Herzchirurgie und Militäraviatik haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. In beiden Bereichen entscheiden Vorbereitung, klare Abläufe und trainierte Entscheidungsprozesse darüber, unter höchstem Druck handlungsfähig zu bleiben. 

Ob im Operationssaal oder im Cockpit: Der Herzchirurg und Vitznauer Gemeinderat Thierry Carrel sowie die Berufsmilitärpilotin Susanne Siegenthaler arbeiten in Umgebungen, in denen Entscheidungen unter Zeitdruck schwerwiegende Folgen haben. Beide zeigten auf, wie Handlungsfähigkeit systematisch trainiert und vorbereitet werden kann.

Vorbereiten, entscheiden, umsetzen
Carrel beschrieb den Operationssaal als komplexe Umgebung mit geringer Fehlertoleranz. Zum Ablauf gehörten Operationsplanung und Briefing; ein Plan B müsse jederzeit abrufbar sein. Jeder Griff müsse sitzen, Entscheidungen würden laufend getroffen und die Kommunikation im Team müsse reibungslos funktionieren. «In einer Krise gilt es, rasch zu analysieren, zu entscheiden und umzusetzen», erklärte Carrel sein Entscheidungsschema. Stress könne die Aufmerksamkeit steigern, zugleich drohe der Tunnelblick und die Sicht aufs Ganze gehe verloren.

Siegenthaler zeigte die Parallelen zur Aviatik auf. Vor jedem Flug werde gebrieft, mögliche Gefahren würden durchgespielt und Alternativen als «canned decisions », also «Entscheidungen aus der Büchse», vorbereitet. Diese Vorbereitung ermögliche es, während des Flugs flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Bei sofortigem Handlungsbedarf greife der Drill, das systematisch antrainierte Verhalten; bei etwas mehr Zeit helfe ein strukturiertes Entscheidungsraster.

Fehler verstehen, nicht Schuldige suchen
Nach jedem Einsatz folge ein Debriefing. Im Zentrum stehe dabei nicht die Person, sondern der Fehler und die Frage, was sich daraus für die Gesamtorganisation ableiten lasse. Carrel zog denselben Schluss für die Medizin: «Kritische Ereignisse müssen analysiert werden, ohne vereinfachende Erklärungen.»
 

Key Take-Away

  • Handlungsfähigkeit unter Druck beginnt vor der Krise: Briefings, vorbereitete Alternativen und ein jederzeit abrufbarer Plan B schaffen die Grundlage für rasches Handeln. 
  • Unter Stress steigt die Aufmerksamkeit, gleichzeitig drohen Tunnelblick und der Verlust des Überblicks. Ruhe, klare Prioritäten und gute Kommunikation werden deshalb zentral.
  • In zeitkritischen Situationen helfen trainierte Abläufe und Drill. Ist etwas mehr Zeit vorhanden, sind strukturierte Entscheidungsraster sinnvoll.
  • Debriefings sollten nicht Personen ins Zentrum stellen, sondern die Frage, welche Konsequenzen sich aus einem Fehler für den nächsten Einsatz und für die Gesamtorganisation ergeben. 

Referenten

  • Thierry Carrel, Herzchirurg und Gemeinderat Vitznau
  • Susanne Siegenthaler, Berufsmilitärpilotin
     

Publikation «Spezial» zum 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum (PDF)

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