
Rückblick 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum: Macherin im Gespräch
Pragmatismus als Prinzip: Magdalena Martullo-Blocher über Kundennutzen, Tempo und Regulierung. Weshalb die EMS-Chefin führt, als stecke die Firma immer in der Krise, und warum sie in der Regulierungsflut die grösste Gefahr für den Standort Schweiz sieht.
Ein aggressiver Zehnjahresplan im Rückblick und ein halber Meter Papier auf der Bühne: Magdalena Martullo-Blocher zeigte auf Pilatus Kulm, was sie unter Pragmatismus versteht – und wo sie diesen in der Politik vermisst.
Mit 34 Jahren stieg Magdalena Martullo-Blocher in das Unternehmen ihres Vaters ein, als dieser überraschend in den Bundesrat gewählt wurde. Gemeinsam mit ihren drei Geschwistern kaufte sie die Anteile der global tätigen EMS-Chemie und verschuldete sich dafür hoch. Heute ist die Gruppe hochprofitabel, und der Aktienkurs erreichte nach einer längeren Schwächephase im Sommer dieses Jahres ein Mehrjahreshoch. Trotzdem dauerte es mehrere Jahre, bis sie sich politisch äussern konnte, ohne dass jede Aussage mit ihrem Vater in Verbindung gebracht wurde, sagte sie im Rückblick.
Schneller sein als die Chinesen
Nach ihrem Einstieg legte Martullo-Blocher einen «ganz aggressiven Zehnjahresplan» vor, den das Unternehmen schliesslich komplett organisch umsetzen konnte. Innovation bedeute für die Unternehmerin, den Fokus voll und ganz auf den Kundennutzen auszurichten: Wie kann sich der Kunde dank EMS-Produkten im Markt differenzieren? Ebenso wichtig ist das Tempo: «Heute gewinnt, wer sich schnell anpassen kann. Sogar die Chinesen sagen uns, wir seien schneller als sie», sagte Martullo-Blocher, die bereits 42-mal geschäftlich nach China reiste. Die SVP-Nationalrätin sah einen Vorteil darin, dass sich die Schweiz im globalen Machtkampf zwischen den USA und China neutral und «blockfrei» positioniert.
Regulierungsflut: ein halber Meter Vertragstext
Die Aussichten für den europäischen Markt beurteilte sie hingegen als düster: In den drei Schlüsselindustrien Auto, Chemie und Maschinenbau werde zurzeit abgebaut statt investiert, Deutschland als grösster Finanzgeber leide massiv. «Die Ursachen für den Niedergang sind klar: eine verfehlte Industriepolitik und eine überbordende Regulierung.» Zum Abschluss des Gesprächs hielt die Unternehmerin eine Brandrede gegen das EU-Vertragspaket. Der ausgedruckte Vertrag – über 2'000 Seiten, aufgetürmt zu einem halben Meter Papier – stand neben ihr auf der Bühne: «Für KMU ist dieses monströse Regelwerk schlichtweg eine Überforderung», so das Fazit der Unternehmerin.
Key Take-Away
- Martullo-Blocher führt EMS mit ambitionierten Zielen und in dauernder Krisenbereitschaft. Dadurch verhindert sie, dass die Krise überhaupt eintritt.
- Innovation entsteht bei EMS aus konsequentem Fokus auf den Kundennutzen und aus Tempo: Wer sich schnell adaptiert, verschafft dem Kunden einen Vorteil.
- Die Schweizer Wirtschaft kann ihre neutrale, blockfreie Positionierung im globalen Machtkampf zwischen den USA und China als Wettbewerbsvorteil nutzen.
- Den europäischen Markt sieht Martullo-Blocher kritisch: Eine zu starke Regulierung bremst die wichtigsten Schlüsselindustrien, und Deutschland als grösster Finanzgeber leidet massiv.
Publikation «Spezial» zum 16. Zentralschweizer Wirtschaftsforum (PDF)


