Deshalb verwundert es nicht, dass es kein universelles, gefestigtes und allgemein verbindliches Moralsystem gibt, auch wenn sich Philosophen seit Jahrhunderten darüber den Kopf zerbrechen. Moralische Ansätze entstehen vielmehr als Antworten der Gesellschaft auf neue Probleme. Man appelliert an das Gewissen, fordert – meist von anderen – mehr Verantwortung, ruft nach Gerechtigkeit, Gleichheit oder mehr Demokratie. Dabei teilen wir unsere Beobachtungen ein in Dinge, die wir achten und solche, die wir ächten.
Diese Einteilung zwischen gut und schlecht wurde uns jahrhundertelang abgenommen. Früher waren es vor allem die Kirche und ihre Priester, die uns predigten, was achtbar und was zu ächten ist. Diese Instanzen hallen nach, wurden aber weitgehend abgelöst durch den liberalen, demokratischen Rechtsstaat und die individuellen Freiheitsrechte für den Staatsbürger. Wir sind seither in der Pflicht, selber zu entscheiden, was wir missbilligen oder für redlich halten; denn Glaube und Staat sowie Recht und Moral sind heute institutionell weitgehend getrennt.
Dennoch erlebt die Moral als Steuerungsmechanismus jenseits des Rechtsstaates eine Renaissance. Es wird wieder vermehrt gepredigt, jedoch nicht mehr von der Kanzel. Die modernen Prediger sind Staat, Medien, NGO aber auch Unternehmen. Manchmal sind die Verhaltensanweisungen subtil und niederschwellig, oft klar und unmissverständlich. Von der Aufforderung, in Treppenhäusern den Handlauf zu benutzen, über die Sprachregelungen zu genderkonformen Formulierungen bis zum Hinweis auf Verpackungen, dass Rauchen Krebs verursacht. Diese Verhaltensanweisungen wirken. Oft mit dem Nebeneffekt, dass wir eine nervöse Empörungskultur fördern. Wir definieren im Namen der «politischen Korrektheit», worüber wir uns empören sollen: über alles, was nicht der gepredigten Verhaltensweise entspricht. Ob uns dieses geforderte Verhalten objektiv einen nachhaltigen Nutzen stiftet, ist hingegen sekundär.