Zentralinfo 03/2025 «Regulierung»: Editorial

Zentralinfo 03/2025 «Regulierung»: Editorial

Wann haben Sie zuletzt an die langen Nachmittage ihrer Kindheit gedacht, als Sie die Zeit beim Spielen mit ihren Freunden vergassen? Ich erinnere mich. Kaum hatten wir mit dem Spielen begonnen, verständigten wir uns schnell auf grundsätzliche Spielregeln, sei es beim «Versteckis», beim «Zinggis» oder beim «Chügelen».

Wir spürten bereits als Kinder, dass Regeln wichtig sind. Sie geben uns Sicherheit, verhindern Streit, schaffen Chancengleichheit und ermöglichen, dass das Spiel stattfinden kann. Gleichzeitig war uns ebenso klar, dass ein Spiel nur dann Spass macht, wenn genügend Spielraum vorhanden ist. Es begeisterte uns, wenn wir unsere Stärken einsetzen konnten, um ein Spiel zu gewinnen. Wenn wir verschiedene Strategien ausprobieren und uns verbessern konnten. Andererseits wurde ein Spiel schnell langweilig, wenn die Regeln zu eng gefasst wurden. Wenn alles vorhersehbar oder zu kompliziert wurde, ging der Reiz verloren. Weder Kinder noch Erwachsene verspüren grosse Lust auf Spiele, deren Regelbücher ganze Regale füllen.

Dieses Prinzip aus unseren Kindertagen lässt sich auf unsere Wirtschaft übertragen. Auch beim Wirtschaften braucht es Regeln. Diese setzen uns Leitplanken, sorgen für Fairness, schützen den Wettbewerb und schaffen Vertrauen. Ohne klare Regeln gäbe es Willkür, Betrug oder völlig unberechenbare Risiken. Dabei gilt wie beim Kinderspiel: Regeln dürfen den Spielraum nicht übermässig einschränken.

In unserem Alltag begegnet uns jedoch eine zunehmende Regulierungflut. Die Dichte an Normen und Vorschriften ist atemberaubend. Für Unternehmen existieren komplexe Vorschriften, Berichterstattungspflichten und Kontrollmechanismen. Manche sind sinnvoll. Andere schiessen meilenweit über ihr Ziel hinaus. Dies ohne nüchternen Diskurs über Sinn, Zweck und tatsächlichen Nutzen dieser Regulierungen. Im Ergebnis verbringen Unternehmen immer mehr Zeit damit, Vorschriften zu studieren, Formulare auszufüllen oder sich gegen rechtliche Risiken abzusichern. Dabei müssten sie sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren – ihre unternehmerische Tätigkeit.

Es liegt in unserer Natur, Regeln gemeinsam zu definieren. Doch die aktuelle Überregulierung in Europa und der Schweiz ist wie ein Spiel mit zu vielen und zu komplizierten Regeln. Es verliert seine Leichtigkeit. Es wird unattraktiv, und die Spieler verlieren ihre Begeisterung. Und irgendwann stellt sich die Frage: Wer will hier überhaupt noch mitspielen?

Daher bin ich überzeugt, dass der übertriebene Gesetzes- und Regulierungsfetischismus ein Irrweg ist, den wir umgehend verlassen müssen. Wir brauchen klare, einfache Regeln, die uns allen genügend Raum lassen für Kreativität, Mut und unternehmerische Initiative. Regulierungen, die Stabilität geben und trotzdem Luft zum Atmen lassen. Damit unser Wirtschaftsspiel weiterhin eines bleibt, das Menschen gerne spielen.

Aus dieser Perspektive stelle ich besonders den politischen Entscheidungsträgern die Frage: Regeln wir noch oder spielen wir schon?

Autor/Autorin:
Adrian Derungs, Direktor Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz IHZ

Zur Bildwelt des Magazins (Thema «Regulierung»):
Regeln oder Rücksicht? Wo Mensch, Tier, Natur, Gesellschaft und Wirtschaft auf engstem Raum aufeinandertreffen, neben-, mit- und gegeneinander bestehen müssen, sind gewisse Regeln unumgänglich. Gekämpft wird um Recht und Berechtigung – aber manchmal reicht auch schon etwas Respekt und Rücksicht. Die Bildreihe dieser Ausgabe des zentralinfo illustriert im Umkreis der Stadt Luzern solche Spannungsfelder – offensichtliche, aber auch überraschende. Optisch reiben sie sich an einer scharfen Kante, immer auf der Suche nach einem harmonischen Gleichgewicht.

Kategorien

Ähnliche News