
Zentralinfo 02/2026 «Ressourcen»: Ressource Bildung und die Zukunft unseres Wohlstandes
Ein Rohstoff muss in Wert gesetzt werden. Das gilt auch für die Ressource Bildung. In der Vergangenheit hat die Schweiz ihre herausragende (Berufs-)bildung in hochentwickelte Produkte und spezielle Dienstleistungen überführt und damit den Wohlstand gemehrt. Was braucht es für die Welt von morgen, damit wir den Wohlstand der Nation und das Glück des Einzelnen weiterhin bestmöglich fördern?
In der Schweiz ist es ein Mantra: Bildung ist unser wichtigster Rohstoff. Dafür gibt die öffentliche Hand über vierzig Milliarden Franken pro Jahr aus, rund 5,6 Prozent des BIP. Hinzu kommen erhebliche Investitionen von Privaten und Unternehmen. Die Wirkung ist sichtbar: Gemäss Bildungsszenarien des Bundesamts für Statistik dürften in zwanzig Jahren zwei Drittel der 25- bis 64-Jährigen einen tertiären Abschluss vorweisen.
Rohstoffe sind jedoch nur Ausgangslagen. Wohlstand entsteht erst durch ihre Verarbeitung in innovative Produkte und Dienstleistungen. Die Tertialisierung der Berufe ist ein Abbild des Strukturwandels (hin zu Dienstleistungen) einerseits und der gestiegenen Anforderungen in allen Sektoren andererseits. Was verändert sich als Nächstes – und was ergibt sich daraus für die Bildung?
Nehmen wir zunächst einige Megatrends in den Fokus.
Erstens den Klimawandel: Die Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft ist kostenintensiv. Die Schweizerische Bankiervereinigung schätzt den Investitionsbedarf bis 2050 auf knapp 400 Milliarden Franken. Hinzu kommen mögliche Produktivitätsverluste durch Hitze, steigende Gesundheitskosten und der Druck auf gewisse Geschäftsmodelle.
Zweitens und drittens wirken demografische Kräfte: Bald wird jede vierte Person in der Schweiz im AHV-Alter sein. Rentenverpflichtungen belasten kommende Generationen – trotz vergleichsweise solider Staatsfinanzen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung fast ausschliesslich in der älteren Generation. Kinder, Jugendliche und Erwerbstätige nehmen anteilsmässig ab oder sinken gar. Weniger Erwerbstätige müssen für mehr Menschen Wohlstand erwirtschaften – das gelingt nur mit deutlich höherer Produktivität.
Hier kommen künstliche Intelligenz und Robotik ins Spiel. Eine Studie der Implement Consulting Group im Auftrag von Google beziffert den potenziellen Beitrag generativer KI zum Schweizer BIP in den nächsten zehn Jahren auf 80 bis 85 Milliarden Franken.
Auch in Zukunft gilt: Aus dem Rohstoff Bildung muss erst Wert geschaffen werden.
Entscheidend ist, welche Bildung dieses Potenzial erschliesst. Seit 2022 zeigt generative KI eindrücklich, zu was sie in der Lage ist: Sie schreibt Texte, komponiert Musik, erstellt Bilder und analysiert medizinische Daten, schreibt Codes und entwirft Strategiepläne. Noch ist schwierig abzuschätzen, wo welcher Nutzen aus der KI tatsächlich erwachsen wird. Aber jetzt schon ist klar: Vieles von dem, was wir bisher der Bildung zugeschrieben haben, kann die Maschine auch. Der Philosoph Rüdiger Safranski spricht von einer «vierten Kränkung» der Menschheit: Nach Kopernikus, Darwin und Freud fordert nun die Maschinenintelligenz unser Selbstverständnis heraus.
Neu daran ist vor allem, dass diese Transformation primär akademische Berufe betrifft: Medizin, Recht, IT, Kreativwirtschaft, Medien, Controlling oder Ingenieurwesen. Handwerkliche Berufe bleiben gefragt – sie werden unterstützt, aber weit weniger ersetzt.
Wie muss der Rohstoff Bildung demnach aussehen? In jedem Beruf müssen wir künftig in der Lage sein, produktiv mit der Technologie zusammenzuarbeiten. Dazu sind meiner Ansicht nach auch in Zukunft solide fachliche Kenntnisse vonnöten. Wer sein «Handwerk» versteht, kann die Technologie besser einsetzen, regeln und, wo nötig, übersteuern. Einige Berufe werden ganz verschwinden, andere verändern sich. Zukunftsfähig gebildet sind Menschen, die willens und in der Lage sind, sich zu verändern, Neues zu lernen, keine Angst vor der Technologie haben und mit Tatkraft und Zuversicht geimpft sind, um die Zukunft zu gestalten.
Autor/Autorin:
Georges T. Roos, Zukunftsforscher und Co-Präsident von swissfuture
Zur Bildwelt des Magazins (Thema «Ressource»):
Die unendliche Vielfalt der Natur – Inspiration und Nahrungsquelle, vermeintlich grenzenlose Ressource, hier versiegt, dort wiedererwacht – und in berühmten Songzeilen auf der ganzen Welt besungen und verehrt – ein paar Beispiele finden Sie auf den Bildseiten dieser Ausgabe des Zentralinfo.


