Zentralinfo 03/2026 «Zeit»: Schneller durch das Gotthardmassiv als durch die Amtsstuben

Zentralinfo 03/2026 «Zeit»: Schneller durch das Gotthardmassiv als durch die Amtsstuben

Das Mysterium Zeit: zwar mit Uhren messbar, in der persönlichen Erfahrung dennoch unfassbar. Sie verrinnt uns manchmal zwischen den Fingern und dehnt sich in anderen Situationen in die Länge. Passend zu dieser Binsenwahrheit stammen «Zeit» und «Gezeiten» vom selben germanischen Wort «tidiz» ab.

Ursprünglich war Zeit demnach eher ein Rhythmus oder eine Abfolge, wie die Gezeiten. Erst in der jüngeren Geschichte haben wir aus der Zeit eine Ressource gemacht. Wir sparen, verlieren und verwalten unsere Zeit. «Zeit ist Geld» ist kein Naturgesetz, sondern eine kulturelle Entwicklung – und diese hat ihren Preis.

Wie hoch dieser Preis heute ist, zeigt ein Blick zurück. 1882 fuhr der erste Zug durch den Gotthard-Eisenbahntunnel von Göschenen nach Airolo. Der Bau der 15 Kilometer langen Strecke dauerte nur zehn Jahre. Tausende Arbeiter, viele davon italienische Gastarbeiter, gruben sich ohne GPS und Computer durch ein ganzes Bergmassiv, trotz Wassereinbrüchen und eingestürzten Stollen. Eine Leistung, die heute nicht mehr möglich ist. Nicht weil uns das technische Können fehlt, sondern weil unsere Verfahren verhindern, unser Können in nützlicher Frist einzusetzen.

Der Bypass Luzern erhielt 2024 die Baubewilligung. Diese ist jedoch aufgrund offener Beschwerden noch nicht rechtskräftig. Selbst wenn der Bau 2028 starten würde, folgen sechzehn weitere Jahre Bauzeit. Fertigstellung: nicht vor 2044 – rund 20 Jahre nach der Bewilligung, für ein Tunnelprojekt von knapp vier Kilometern und einen 6-Spur-Ausbau.

Auch über den Durchgangsbahnhof in Luzern diskutieren wir seit Jahrzehnten. Die erste Etappe des Projekts (Dreilindentunnel und Tiefbahnhof) soll frühestens 2045 fertiggestellt sein, über den Baustart der zweiten Etappe kann die SBB noch keine Aussage machen. Von Energieproduktionsanlagen, deren Bewilligungsverfahren regelmässig länger dauern als ihr Bau, will ich gar nicht erst reden.

Unsere Vorfahren benötigten für Jahrhundertbauwerke zehn Jahre, wir benötigen für ein paar Tunnels, Strassen und Geleise über fünfzig Jahre. Das ist bei nüchterner Betrachtung kommunikativ verschleierte Handlungsunfähigkeit. Man kann einwenden, dass mehr Verfahren zu mehr Mitsprache und zu mehr Rücksicht auf Umwelt und Betroffene führen. Das stimmt. Beteiligung hat einen Wert, nicht nur einen Preis. Aber Wert und Preis sind zwei verschiedene Dinge.

Und das eigentliche Problem ist nicht die Mitsprache: Einsprachen ohne Ende, Instanzenzüge ohne Frist und langwierige, umständliche Planungsprozesse fressen jede Planungssicherheit auf – Jahre, bevor der erste Spatenstich erfolgt. Das ist der unterschätzte Standortnachteil der Schweiz: die Unberechenbarkeit der Zeit selbst.

Wer nicht mehr weiss, ob ein Projekt in fünf oder in fünfzig Jahren realisiert wird, plant nicht mehr. Er wartet. Wer Ende des 19. Jahrhunderts einen Tunnel in zehn Jahren durch das Gotthardmassiv grub, aber im 21. Jahrhundert einen Bahnhof in fünfzig Jahren nicht bewilligt und gebaut bekommt, hat kein Zeitproblem. Er hat ein Prioritätenproblem.

Autor/Autorin:
Adrian Derungs, IHZ-Direktor

Zur Bildwelt des Magazins (Thema «Zeit»):
Es heisst, jede Zeit hat ihre Moden, ihre prägenden Trends – von der Musik bis zur Architektur, von Kleidern bis zur Kulinarik. Sie kommen und gehen, manche gehen vergessen, andere tauchen später wieder auf. Doch dann gibt es solche, die gekommen sind, um zu bleiben. Sie erfreuen sich anhaltender Beliebtheit und verlieren einfach nicht an Attraktivität. Diese Evergreens, Klassiker, denen die Zeit nichts anhaben kann – für die eine andere Zeitrechnung gilt – finden Sie hier als Bildreihe in dieser Zentralinfo-Ausgabe.

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